Hermann Scherer spricht vor 500 Speakern in Berlin

Hermann Scherer ist ein „Top-Speaker“. An einem vierstündigen Event hat er in Berlin seine Geheimnisse enthüllt. Zielgruppe waren Menschen, die das öffentliche Auftreten zu ihrem Kerngeschäft machen wollen. – Viele von Scherers Tipps lassen sich aber auch adaptieren, ohne gleich ins Profi-Speaker-Business einzusteigen.

In Deutschland etabliert sich mehr und mehr ein Markt für Keynote-Speaker. Professionelle Redner also, die für ordentliche Gagen von 5000 bis 50’000 Euro an Kader-Konferenzen, Mitarbeiter-Events oder Kongressen Referate halten. Einer der erfolgreichsten in Deutschland ist Hermann Scherer.

Wobei man eigentlich sagen müsste: Scherer war einer der erfolgreichsten. Unterdessen ist er Veranstalter, und nicht mehr Speaker. Was bedeutet, dass er nicht nur gegen Honorar einen Auftritt macht, sondern den gesamten Event organisiert, von der Saalmiete über das Marketing bis zur Nachbearbeitung. Das birgt einerseits mehr unternehmerisches Risiko, bringt andererseits aber auch die Chance auf mehr Gewinn: Bei 500 Besuchern, die alle 100 Euro oder mehr bezahlt haben, bleibt da wohl ganz schön was in der Kasse.

Scherer richtet sich mit seinem rund vierstündigen Auftritt wohl vor allem an Experten, Berater, Trainer und Coaches, die den Weg hin zum professionellen Speaker gehen wollen. Kein unattraktiver Weg, wie Scherer anhand der Gagen seiner Mitstreiter aufzeigt. Die Beträge, die er zu einzelnen Vertretern der Branche nennt, gehen von bis zu 50’000 Euro für einen. Damit dürfte in Deutschland die Spitze in etwa erreicht sein. Die USA kennen dabei noch höhere Beträge. Der US-amerikanische Guru Tony Robinson, Topverdiener der Branche schlechthin, kommt für 500’000 Dollar. Und den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton hatte Scherer selbst dereinst nach Deutschland geholt, wie er erzählt. Kostenpunkt: 450’000 Euro reine Gage, dazu allerlei Spesen.

Expertenwissen: 500 Euro, Gänsehaut: 10’000

Warum sind Unternehmen bereit, Gagen in dieser Höhe zu bezahlen? „Die Firmen wissen oft nicht, was sie an ihrenVeranstaltungen machen sollen.“ Scherer bringt es auf die einfache Formel. Expertenwissen gibt es vielerorts. Aber die wenigsten verstehen es, das Publikum zu unterhalten. „Nach acht langweiligen Vorträgen an einer Konferenz musst Du dann etwas reissen.“

Einzigartigkeit ist also gefragt. „Beispiel DISC-Modell. Das können 30’000 andere auch. Dasselbe mit NLP.“ Ein Keynote-Speaker muss eine Marke sein, um einen Preis erzielen zu können. „Entweder kaufst Du eine Marke, oder Du kaufst über den Preis.“ – Eine Marke zu entwickeln mit Präsentationen, die sich vom Einheitsbrei abheben, ist also auch für Scherer zentral. Und weiter: „Wir müssen uns göttlich darstellen. Wir müssen immer göttlich sein. Stellt Euch jetzt mal, wenn es um die Positionierung geht, göttlich vor: Wie würde Gott seine Webseite machen? Ganz bestimmt würde er da nicht hinschreiben: Erst war ich Engel, dann war ich Erzengel und dann bin ich Gott geworden. Genau das tun aber viele“.

Keine Fragerunden

Vorträge mit anschliessenden Fragerunden lehnt Scherer ab. „Bei mir gibt es keine Fragen.“ Warum? „Ich bin Profi, wenn mein Vortrag zu Ende ist, dann ist das Energieniveau oben. Eine Fragerunde reisst es runter.“ Und erzählt, was alle im Saal kennen: „Da schlurft dann nach gefühlten drei Minuten ein Moderator auf die Bühne und sagt etwa wie: ‚Das war interessant, Herr Scherer‘ und eröffnet die Fragerunde. Kommt eine Frage? Nein, meistens nicht. Oder erst nach weiteren gefühlten drei Minuten. Und dann will einer wissen: ‚Was sagen Sie zur aktuellen Entwicklung des Judentums in Deutschland?'“

Scherer schlägt deshalb vor, Fragerunden auf den Apéro zu verlegen, wo er dann sehr wohl für Gespräche zur Verfügung steht.

Inszenierung ist wichtiger als Inhalt

Scherer provoziert mit der Aussage, der Rahmen müsse wichtiger sein als der Inhalt. Und bringt Beispiele passender „Rahmen“. Julia Enders beispielsweise. Die junge Medizin-Studentin hat mit dem Buch „Darm mit Charme“ einen Bestseller gelandet. Und alle ihre Medizin-Professor/innen mit wesentlich tiefergehenden Fachkenntnissen verdrängt.

Zentral dabei: Leidenschaft. „Positionierung ist nur eine Frage der Leidenschaft“. Und Anormalität. „Persönlichkeit fängt dort an, wo der Vergleich aufhört.“ – Scherer lebt das. Sein Vortrag ist unterhaltsam, die Dichte an Pointen hoch, er gerät regelmässig ins Feuer und getraut sich, eine Meinung zu haben und sie auch zu äussern. Gelegentlich ist er angriffig, beispielsweise, als eine Frau einwirft, wo in seinen Beispielen von Speakern und deren Honoraren die Frauen blieben. Scherer. „Es gibt sie nicht.“

Zur Positionierung gehört das Drum-Rum. „Wer mich bucht, erhält ein 280-seitiges Buch über mich. Das liest kein Mensch, aber es gibt das Gefühl, dass ich Experte bin“ sagt Scherer. – Und es ist ein Bekenntnis für etwas „Analoges“, das die Menschen in den Händen halten können. Das Buch „Jenseits vom Mittelmass“ beispielsweise sei mehr oder minder eine Foliensammlung in Buchform. Aber eben: Umgearbeitet, nicht einfach ein „Handout“, sondern ansprechend gestaltet.

In die Puschen kommen

Leidenschaft heisst aber auch, umzusetzen. „Ich hab‘ die Schnauze voll von Seminaren, und wir kriegens nachher nicht umgesetzt.“ Das Problem ist nach Scherer häufig die Intelligenz. Und der Perfektionsanspruch. Er plädiert dafür, loszulegen, und dann zu verbessern. „Wir sind ja viel besser darin, zu verbessern – vor allem andere, als selbst zu erschaffen.“ Das macht er sich zunutzen, indem er nicht viel Energie ins Erschaffen investiert. Dafür aber dann umso mehr ins Verbessern. Beispielsweise, wenn er selbst ein Buch schreibt: „Ich diktiere zwei Tage lang in ein Diktiergerät und lasse das dann abtippen. Damit habe ich schon mal ein Buch. Ein schlechtes zwar, aber jetzt kann ich mit dem Verbessern beginnen.“

Das macht er selbst – oder er lässt machen. Denn das ist ein weiteres Credo: GBN. Götter bügeln nicht. Was nicht arrogant rüber kommen soll, wie er versichert. „Aber überlegt Euch, was ihr in der Zeit schaffen könntet, in er ihr Dinge tut, die andere für Euch tun könnten.“


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