Die deutsche Bundeskanzlerin – nicht in Bestform

Eine Neujahrsansprache ist für einen Regierungschef oder Staatspräsidenten immer eine Herausforderung. Insbesondere, wenn es schon die 14. ist, wie im Falle von Angela Merkel. Ihre Worte an die Nation zum Start ins neue Jahrzehnt waren allerdings nicht eben eine rhetorische Glanzleistung.

Merkel beginnt Ihre Ansprache mit dem Verweis auf 30 Jahre Wiedervereinigung, spricht dann die Digitalisierung als Herausforderung an und schliesslich den Klimawandel. Diese Herausforderungen liessen sich bewältigen, wenn Deutschland auf dem aufbaue, was es immer schon stark gemacht habe: die Ideen, den Erfindergeist, Fleiss und Hartnäckigkeit.

Dabei sei das Grundgesetz die Basis für alles, insbesondere die Garantie der Würde des Menschen. Daran anschliessend dankt sie all‘ den „Frauen und Männern“, die Verantwortung in Deutschland übernehmen würden und sich für das Gemeinwesen einsetzten.

Schliesslich spricht Merkel Europa an und die Ratspräsidentschaft, welche Deutschland 2020 innehaben wird und in dessen Rahmen auch Treffen mit China und den Staaten Afrikas geplant seien, „denn nur wenn Menschen die Chance auf ein friedliches und sicheres Leben haben, werden Flucht und Migration abnehmen. Nur wenn wir Kriege durch politische Lösungen beenden, wird sich nachhaltige Sicherheit einstellen.“

Fazit: Nichts greifbares, viel Politikerinnen-Blabla

Warum ist die Rede Merkels keine Glanzleistung? Aus verschiedenen Gründen:

1. Abstraktes statt Greifbares

Merkel verwendet in Ihrer Ansprache viele abstrakte Begrifflichkeiten: Sie spricht von „Grossartigem“, das Deutschland geschaffen habe. Und bringt als Beispiel, dass noch nie so viele Menschen Arbeit hatten wie heute. Genau das ist aber so auf die Schnelle für den Zuhörer oder die Zuhörerin nicht nachvollziehbar: Für diejenigen, die Arbeit haben, ist es eine Selbstverständlichkeit. Und die, die keine haben, fühlen sich schlecht, weil sie zu einer kleinen Minderheit stigmatisiert werden.

Dann so ein typischer Merkel-Satz: „Dennoch bleibt auch in nächsten Jahrzehnt noch mehr zu tun, als wir vor 30 Jahren gedacht hatten.“ Was meint Sie? Ist das ein Eingeständnis des eigenen Versagens? Man weiss es nicht.

Oder weiter unten, zum Thema Klimakrise: „Wir müssen alles Menschenmögliche unternehmen. (…) Noch ist das möglich.“ Na was denn? Oder der Killersatz schlechthin: „Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir uns offen und entschlossen auf Neues einlassen.“ Das ist reines Blabla und eine Beleidigung für den Intellekt ihres Publikums.

2. Zu vieles angetönt, nichts vertieft

Die Rede Merkels ist ein klassischer „Tour d‘ Horizont“: Viele Themen angesprochen, aber zu keinem eine klare Botschaft. So ganz in der Politiker-Manier: Nur ja keinem und keiner weh tun mit einer Positionierung. Merkel verpackt in die knapp sieben Minuten Ansprache 4 Themen:
– 30 Jahre Wiedervereinigung
– Digitalisierung als Herausforderung
– Klimawandel
– EU-Zusammenarbeit
Dazu muss sie auch noch den Dank hineinpacken an alle Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten, Pflegekräfte und überhaupt an alle, die für den Staat etwas leisten.

Sorry, aber das ist zuviel. Zumal Merkel keinerlei inhaltliche Verbindung zwischen den Aspekten schafft. Die Rede wird damit zu einem Sammelsurium der Beliebigkeiten. Mutiger (und richtig) wäre es gewesen, einen Schwerpunkt zu setzen, zu diesem aber auch eine tatsächliche Aussage zu machen.

3. Keine Dramaturgie

Das eben Erwähnte wird auch deutlich, wenn man versucht, in Merkels Neujahrsansprache so etwas wie eine Dramaturgie zu suchen. Nur: Es gibt sie schlicht nicht. Am ehesten könnte man noch das chronologische Aufbaumuster erkennen: Gestern (Wiedervereinigung) – Heute (Digitalisierung & Klimawandel) – Morgen (EU-Ratspräsidentschaft). Das ist zwar so etwas wie eine Struktur – eine Dramaturgie ist es indes nicht.

Fazit

Die Rede Merkels ist die langweiligste der vier von uns untersuchten Neujahrsansprachen (mit im Vergleich: der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, der französische Staatspräsident Emanuel Macron und die schweizerische Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Schuld daran ist das Bestreben, es allen Recht machen zu wollen und deshalb ja keine kontroverse Aussage zu machen.

Dieses Bestreben geht freilich in dem Eindruck auf, Merkel habe nichts (mehr?) zu sagen.

Merkel (oder ihre Redenschreiber) haben sich wohl auch kaum Gedanken zu einer Dramaturgie gemacht oder wie sie einen Spannungsbogen in die Rede einbringen könnten. Genau das ist aber zentral, wenn man sich wünscht, dass das Publikum die ganze Rede über dranbleibt.

Das Redemanuskript zum Nachlesen gibt es hier.

Morgen folgt: Alexander van Bellen, Staatspräsident von Österreich


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