Die Schweizerische Bundespräsident: mutig & erfrischend

Die Schweizerische Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) beweist von allen Staats- und Regierungschefs, die wir in dieser Reihe angeschaut haben, am meisten Mut und Nähe zum Bürger.

Die Sozialdemokratin hat als Setting für Ihre Neujahrsansprache eine Bäckerei gewählt. Genauer gesagt: Ihre Bäckerei. Anders als ein van der Bellen oder eine Merkel spricht Sommaruga nicht von den grossen „Must-Have“-Themen. Der Klimawandel kommt genau so wenig vor

Bei Sommaruga ist die Botschaft eine andere. Die nämlich, dass nicht die hohe Politik, sondern jeder Einzelne „das Leben der anderen gut machen kann“. Nur schon der wunderbare Geruch in einer Bäckerei sei für sie ein Erlebnis, findet Sommaruga. Und sie freue sich, wenn sie kurz vor Ladenschluss ihr Lieblingsbrot immer noch vorfinde (Und nein, es ging dann nicht über zum Thema „Foodwaste“, obwohl der Link zu erwarten gewesen wäre.

Wir erachten die Neujahrsansprach von Sommaruga für die gelungenste aller untersuchten Beispiele. Auch in der Geschichte der Schweizer Neujahrsansprachen hebt sie sich weit vom sonst üblichen Durchschnitt ab. Warum?

1. Sommaruga erzählt eine Geschichte

Und zwar eine Alltagsgeschichte. Damit ist sie anschlussfähig und nahe bei ihrem Publikum, ein Brot kaufen wohl die meisten der Bürgerinnen und Bürger mehrmals im Jahr. Sie kennen den Duft, den Sommaruga beschreibt, und die Bilder tun das übrige.

Die Geschiche, die Sommaruga erzählt, folgt nicht einmal einer ausgefeilten Dramaturgie, aber sie bringt in wenigen Worten ihren Aussagewunsch ins Ziel. Und sie endet mit diesem Aussagewunsch, ihrer Botschaft – so, wie eine Geschichte erzählt sein sollte, damit diese Botschaft in den Köpfen der Zuhörerinnen und Zuhörer verankert ist.

2. Eine zentrale Botschaft

Die Hauptbotschaft von Sommaruga ist die der Solidarität. Sie braucht diesen abstrakten Begriff aber nicht, sondern leitet den Gedanken auf eine Art und Weise her, die kaum angreifbar ist. Sie erzählt von ihrem Lieblingsbot, davon, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, dass sich in der Schweiz alle ein Brot leisten könnten, dass es aber auch wichtig sei, dass die, welche die Zutaten für das Brot herstellten, mit ihrer Arbeit genug verdienen würden, und dass wir am Ende eigentlich alle wüssten, dass wir es nur gut haben könnten, wenn es die anderen auch gut hätten – und schloss darin auch die Natur und Umwelt ein.

Diese Logik ist – weg von allen Parteistrategien und Programmen einleuchtend und überzeugend. Kaum jemand würde etwas dagegen einbringen können. Sommaruga versucht auch nicht, alle möglichen anderen Themen auch noch irgendwie unterzubringen, sondern konzentriert sich auf eine zentrale Aussage.

3. Mut

Warum das mutig ist? Weil Sommaruga für ihren Auftritt prompt Haue bezog. So fand ein abgewählter Parlamentarier, der sich heute als Journalist versucht, er röche statt frischem Brotgerucht bloss sozialdemokratischen Moder, und der Kommentator der NZZ AM SONNTAG (den wir sonst sehr schätzen) empfand die Rede als „Plattheiten-Bingo“ – er hatte sie wohl nicht bis zum Ende angeschaut oder war beim Anschauen noch im nach-feiertäglichen Benebelungszustand.

Diese Reaktionen zeugen aber vom klassischen Dilemma einer Rhetorik, welche die Menschen adressiert und durch einfache, anschauliche Sprache anschlussfähig ist: Sie risikiert immer die Kritik von selbsternannten Mitgliedern einer Pseudoelite, die häufig genug mit verschwurbelten Plattitüden nur heisse Luft produzieren, sich aber darin gefallen, sich zur intellektuellen Elite zu zählen und über die Masse zu erheben. Deshalb ist durchaus Mut gefragt, es anders zu machen und die Bedürfnisse des Publikums ernstzunehmen.

Und die hat grossmehrheitlich auch positiv reagiert auf Sommarugas Rede. Die französische Sprachversion hatte auf Youtube bis zum Redaktionsschluss dieses Textes über 34’000 Views, und einige Kommentatoren aus Frankreich empfahlen ihrem Präsidenten Macron, sich einmal in eine Bäckerei zu begeben. Darüber hinaus war die Rede Thema bei französischen Comedians (was man regelmässig als Auszeichnung empfinden muss.

Fazit

Die Neujahrsansprache von Simonetta Sommaruga war mit etwas über 3 Minuten die kürzeste aller angeschauter Rede. Wer genau hinhört, erkennt in Sommaruga die klarste politische Botschaft von allen drei deutschsprachigen Neujahrsansprachen. Die von ihr gewählten Worte sind allesamt konkret, anschaulich und einfach verständlich, auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer ohne akademischen Hintergrund, die aber genau so zur Gesellschaft gehören und damit in einer Neujahrsansprache angesprochen sein wollen.

Das Redemanuskript zum Nachlesen gibt es hier.

Morgen folgt: Emmanuel Macron, Staatspräsident von Frankreich


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