Der österreichische Bundespräsident: nah- & greifbar

Der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen (Grüne) hat in seiner Neujahrsansprache die richtigen Worten gefunden und gibt das Bild eines nahbaren, väterlichen Präsidenten.

Die Themen des Alexander van der Bellen sind gar nicht so anders als die der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch er spricht vom Klimawandel und von der Digitalisierung. Und der EU, ohne die Österreich seine Interessen nicht wahren könne. Sogar die Struktur seiner Rede ist ähnlich die der Kanzlerin: vom Rückblick (wenn auch hier nicht auf 30 Jahre Wiedervereinigung, sondern auf ein Jahr österreichische Innenpolitik) geht es über die Herausforderungen der Zukunft zu den konkreten Handlungsschritten, die getan werden müssen.

Was van der Bellen aber anders macht? Er begibt sich auf die Ebene der einfachen Menschen in Österreich. Er spricht nicht abstrakt über Grundgesetz oder Menschenwürde, und wenn er es tut, bezieht er die Menschen mit ein: “ Wir haben einen hellen Fixstern, der uns Orientierung und Anleitung gibt: das ist unsere Bundesverfassung. Und wir haben einander.“ Ein genialer Trick: Er hebt sich nicht über das Volk, sondern ist Teil davon.

Die weiteren Erfolgsfaktoren

1. Die Metapher vom Stern in der Dunkelheit

Metaphern sind bildhafte Redewendungen, die Abstraktes konkret und bildhaft machen. Wenn er die innenpolitischen Wirren in Österreich des letzten Jahres (mit der Strache-Affäre) anspricht, vergleicht er die Situation mit der dunklen Nacht, in der es aber die Kunst sei, sich auf die Sterne zu konzentrieren. Die Bundesverfassung nennt er als „Fixstern“.

Dazu bringt er die Metapher später gleich noch einmal, wenn er davon spricht, dass durchaus nachvollziehbar sei, dass einige in Resignation zu verfallen drohten angesichts der übergrossen Fragestellungen. „Aber sehen Sie: Die Kunst ist nun einmal, sich dort, wo manche nur die dunkle Nacht sehen, sich auf die Sterne zu konzentrieren.“

2. Die Sorgen des Publikums ernst nehmen und Adressen

An mehreren Stellen nimmt van der Bellen die ganz konkreten Fragestellungen der Menschen auf: “ Wir alle erleben die Veränderung des globalen Klimas. Viele von uns waren letztes Jahr mit Naturkatastrophen konfrontiert. Auch bei uns in Österreich. Wir spüren die Veränderungen in unserem Alltag. Wir sehen das nahezu jeden Tag.“

Dasselbe Muster zum Thema der Digitalisierung: “ Wie werden wir künftig arbeiten? Welche Antworten geben wir in Österreich auf die Digitalisierung? Wie soll sich unser Wirtschaftsstandort entwickeln?  Wie gehen wir mit Migration um? Und was tun wir, um Frauenrechte zu stärken? Haben wir ausreichend drüber nachgedacht, das Nötige im Bildungsbereich anzugehen?“ Van der Bellen integriert die Menschen in seine Gedanken und kann sie damit für sich einnehmen.

3. Konkreter Appell

Auch im Abschluss sagt van der Bellen materiell nichts anderes als Merkel. Aber die Art, wie er es sagt, macht den Unterschied: Wenn Merkel sagt, dass ein positiver Wandel möglich sei mit Mut und Zuversicht, sagt van der Bellen: „Wir kriegen das schon hin. Mit Mut und Zuversicht!“ Merkel spricht also von einer Möglichkeit, van der Bellen ist überzeugt. – Nun mag man einwerfen, dass Merkel wohl gut daran getan habe, ihre hochgradig kontroverse „Wir schaffen das“-Formel nicht noch einmal aufzuwärmen. Der Einwand ist berechtigt. Daran zeigt sich letztlich auch das Dilemma vieler Führungskräfte: Sind solche Formeln einmal verbraucht und verbrannt, wird es schwierig, das rhetorische Feuerwerk noch zu zünden.

Fazit

Die Rede Merkels ist die langweiligste der vier von uns untersuchten Neujahrsansprachen (mit im Vergleich: der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, der französische Staatspräsident Emanuel Macron und die schweizerische Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Schuld daran ist das Bestreben, es allen Recht machen zu wollen und deshalb ja keine kontroverse Aussage zu machen.

Dieses Bestreben geht freilich in dem Eindruck auf, Merkel habe nichts (mehr?) zu sagen.

Van der Bellen ist näher an den Menschen und wirkt als Staatspräsident weniger abgehoben, weil er sich häufig der 1. Person Mehrzahl, dem „Wir“ bedient. Damit wird er nahbar. Er arbeitet mehrmals mit der Metapher der Sterne, die auch im Dunkeln Licht geben und auf die man sich konzentrieren solle. Und er endet mit einem konkreten Appell, der auch erreichbar erscheint.

Allerdings dürfte auch van der Bellen da und dort noch konkreter sein, etwa, wenn er anspricht, dass „technolgische Entwicklungen“ für den ökologischen Wandel bereits existierten. – Hier ist die Türe schon weit offen, um konkret zu werden. Leider verpasst er die Chance.

Das Redemanuskript zum Nachlesen gibt es hier.

Morgen folgt: Simonetta Sommaruga, Schweizer Bundespräsidentin


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